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The
Story
of Dschinghis Khan |
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Quelle:
Peter Cornelsen / Peter Hartmann jr.: Dschinghis Khan
Taschenbuch Bastei Lübbe 1980; ISBN 3-404-60014-2
Wer Informationen über den realen, historischen Temudschin,
genannt
Dsching(h)is Khan möchte, dem empfehlen wir den Link zur Uni Paderborn:

Der
echte Dsching(h)is Khan
Vielen Dank an den Autor Christian Ihländer!
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| Die
Idee |
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Wenn man es
genau besieht, ist die Geschichte der Gruppe Dschinghis Khan mindestens so
spannend wie ein Durbridge-Krimi: Unter der Führung eines pfiffigen,
versierten und talentierten Produzenten bringen es sechs junge Leute, von
denen sich vorher nur zwei kannten, innerhalb weniger Wochen fertig, in
allen internationalen Hitparaden herumzugeistern. Fragt der unbedarfte
Beobachter: Wie funktioniert das eigentlich? Was muss man dazu können,
was tun, was nicht tun? Versuchen wir, eine Antwort zu finden:
Die Dschinghis Khan-Legende beginnt mit einem bekannten Festival und einer
Idee, die schon lange im Schreibtisch schmorte. Ralph Siegel, Produzent,
Komponist und Erfinder von Dschinghis Khan, sah sich im Herbst 1978 mit
dem Problem konfrontiert, für den alljährlich stattfindenden "Grand
Prix de la Chanson" ein Lied für Deutschland zu schreiben. Mit
seinem Freund und Textdichter Dr. Bernd Meinunger - eigentlich ein Agrar-Ökonom,
in dessen Zuständigkeit sonst eher wissenschaftliche Forschungsgutachten
fallen - saß Komponist Ralph Siegel am heimischen Klavier und probierte
Melodien eben für jenen Grand Prix aus:
"Wir hatten drei Lieder geschrieben, es war so gegen acht Uhr abends,
und wir waren eigentlich müde und wollten essen gehen, und da sagte Bernd
Meinunger: "Ach, lass uns doch noch ein Lied machen. Lass uns doch
endlich einmal dieses Dschinghis Khan-Lied schreiben." Ich fand die
Idee phantastisch. Und dann sind wir eben darauf gekommen, dieses Lied für
den Grand Prix zu schreiben", erzählt Ralph Siegel über die
"Geburtsstunde" des neuzeitlichen Dschinghis Khan.
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| Anmeldung
zur Grand Prix-Vorentscheidung |
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In der Tat
hatten die beiden einfallsreichen Showmacher mit dem Song genau den Nerv
des internationalen Publikumsgeschmacks getroffen. Erzählt Ralph Siegel
über seine Dschinghis Khan-Konzeption: "Die Problematik bei
internationalen Wettbewerben besteht immer in den verschiedensprachigen
Texten, wo eben die Zuschauer in Finnland nicht verstehen, was der
Deutsche singt und die Deutschen nicht verstehen, was der Finne singt. Und
so kamen wir auf die Idee, das Dschinghis Khan-Lied für den Grand Prix zu
schreiben, weil es ein international bekanntes Wort ist. Wir haben uns
weiter gesagt, nicht nur der Text ist wichtig, sondern auch die
Darstellung dessen, was im Text passiert, die Kostümierung also."
Aber da sind wir schon zu weit. Ralph Siegel hat erst mal ein
Demonstrationsband aufgenommen, das er noch selbst besungen hatte. Dieses
"Demo" - wie man im Branchenjargon sagt - musste von einer Jury
bewertet werden, die es dann zur deutschen Vorentscheidung zum
internationalen Grand Prix zulassen konnte. Bevor das Demo allerdings via
Post die Jury erreichte, hatte Ralph Siegel gleich noch eine Idee. Im
Begleitschreiben an die Juroren vermerkte er, dass das Lied
"Dschinghis Khan" natürlich auch von einer Gruppe
"Dschinghis Khan" gesungen werden würde.
Nun passiert meistens alles schneller, als man denkt: Der Siegel-Song
wurde prompt angenommen, und der Meister selbst geriet unter Zeitdruck,
denn es gab weder eine Gruppe noch eine Platte, noch sonst irgendwas.
Kommentiert Ralph Siegel trocken: "Das Lied Dschinghis Khan kam als
12. und damit letzter Titel gerade noch in die Vorentscheidung. Es gab
keine Gruppe, und ich stand vor der Tatsache, bis zum 17.März 79 diese
Gruppe Dschinghis Khan auf die Bühne zu stellen. Ich hab' mir gedacht, na
ja, das werden wir schon schaffen. Und dann kam Weihnachten, dann kam
wieder die berühmte Messe MIDEM in Cannes, und als ich Ende Januar von
dort zurückkam, hatten wir noch knappe sechs Wochen Zeit."
Da musste dann natürlich etwas passieren. Weil aber Ralph Siegel und
seine Mannen nicht erst seit drei Tagen in dem Job arbeiten, sondern schon
fünfzehn Jahre Erfahrung auf dem Buckel haben, gingen sie mit der
notwendigen Souveränität ans Werk: "Ich habe mich auf alle Leute
besonnen, die man so kennt und die nicht unter Vertrag waren. Und da habe
ich eben von Frankfurt bis Liechtenstein, bis Zürich, bis Luxembourg
alles angerufen, was ich kannte. Und in den ersten vierzehn Tagen sind
dann so fünfzehn junge Sänger bzw. Sängerinnen bei mir in München
gewesen, mit denen ich mich unterhalten habe, sie für die Idee Dschinghis
Khan begeistert habe und aus denen sich die jetzigen sechs Dschinghis
Khan-Mitglieder herauskristallisiert haben."
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| Das
"Casting" |
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Natürlich
hat dabei auch wieder der Zufall mitgespielt. So zum Beispiel beim
Engagement von Steve Bender (das Ist der mit der Glatze): Steve Bender nämlich
wurde schon vorher vom Hause Siegel produziert. Sein schon damals nackter
Schädel blickte fröhlich von einem Poster, das im Büro des
Siegel-Produzenten Werner Schüler hing. Kommentar von Ralph Siegel, als
er den
blankrasierten Bender-Schädel erblickte: "Menschenskind, der passt
doch genau in meine Vorstellung."
Leslie Mándoki zum Beispiel wurde aus dem großen Nachwuchsteich
gefischt: „Dann kam ein junger ungarischer Komponist, der sich bei mir
im Hause bereits mit eigenen Kompositionen beworben hatte - eben Leslie Mándoki.
Man sucht ja immer Nachwuchs, und eines Tages hat mir mein Freund und
Mitarbeiter Joachim Neu-bauer Leslies Bild gezeigt, und ich habe gedacht,
der sieht toll aus. Wenn der auch noch gut singt, dann paßt er zu
Dschinghis Khan“, erläutert der Chef des Hauses Siegel.
Voraussetzung beim Suchen nach den richtigen Dschinghis Khan-Mitgliedern
war immer deren Begeisterung: Jedem, der in der Münchner Höchlstraße
vorbeischaute, entwickelte Ralph Siegel sein Dschinghis Khan-Konzept und
versuchte, Musiker und Sänger dafür zu begeistern. Wichtig war, daß
alle an der Idee Spaß hatten; daß sie überzeugt waren: „Ja, wir
machen diese Gruppe, und wir wollen Erfolg haben mit dieser Gruppe.“
Edina Pop, die ja von allen Dschinghis Khan-Mitgliedern im bundesdeutschen
Popgeschäft die Bekannteste sein dürfte, kannte Ralph Siegel schon
vorher recht gut: Sie komplettierte als TV-erfahrene Sängerin das Team für
den herannahenden Grand Prix. Louis Potgieter, der den tanzenden
Dschinghis Khan darstellt, kam zur Gruppe fast als konzeptionelle Folge:
Weil Ralph Siegel davon ausgegangen war, dass der Dschinghis Khan nicht
nur besungen, sondern auch als Figur gezeigt werden sollte, suchte er
gezielt nach einem Tänzer: Von dem befreundeten Choreographen Billy Millé
bekam er den Tip für Louis Potgieter. Der geborene Südafrikaner hatte
sich nämlich für ein Zweijahresgastspiel am Münchner Gärtnerplatztheater
niedergelassen, um klassisches Ballett zu tanzen. Potgieter, der ein
ausgesprochenes Faible für modernes Entertainment hat, ließ sich den
Dschinghis Khan-Vorschlag nicht zweimal sagen. Er schlug ein und war
dabei.
Ralph Siegel hatte
derweil die Mannschaft fast zusammen; die Zeit bis zur deutschen
Grand-Prix-Vorentscheidung war nicht mehr lang, und es fehlten noch zwei
weitere Dschinghis Khan-Mitglieder in Siegels Konzeption. Wie so oft, war
Meister Glück der Retter in der Not. Erzählt Ralph Siegel: „Mir
fehlten noch ein Mann und ein Mädchen. Da ich ja nun sehr viel in
Musikerkreisen arbeite und lebe, fragte ich auch unter meinen dortigen
Freunden: ‚Kennt ihr nicht noch jemand, der singen kann, gut aussieht
und nett ist?‘ Und bei einer dieser Gelegenheiten sagte unser Gitarrist
Billy Lang: ‚Klar, mein Freund Wolfgang.‘ Und ich antwortete: ‚Den
kenn' ich doch. Von dem hast du mir doch schon mal was vorgespielt.‘ Und
dann kam Wolfgang Heichel zu mir; ich erzählte ihm wieder die ganze
Geschichte; ich spielte ihm den Titel vor, erzählte ihm die Idee - und er
war sofort begeistert. Na, und da habe ich ihn auch gleich gefragt, ob er
nicht noch ein Mädchen kennt, das da reinpassen könnte. Und da antwortet
mir der Wolfgang, ja, er kenne jemand, aber er wüßte nicht so genau, und
er druckste so herum. Na, da frage ich ihn: ‚Sagen Sie mir bloß nicht,
dass das Ihre Frau ist?‘ Da sagt er: ‚Ja, es ist meine Frau.‘ Da
habe ich ihm geantwortet: ‚Na ja, ich muß Ihnen ganz ehrlich sagen, ich
nehme keine Rücksicht darauf, ob das Ihre Frau ist oder nicht, wenn sie
mir nicht hundertprozentig gefällt.‘ Und am nächsten Tag kam dann
Wolfgang mit seiner Frau Henriette. Wie ein Engel schwebte sie in den Raum
herein. Ich weiß das noch wie heute: Sie hatte ein hell-beiges Kleid an
und sah bezaubernd aus. Da habe ich bei mir gedacht, wenn sie noch singen
kann, ist das die Idealkombination. Wir setzten uns gemeinsam ans Klavier
- und sie konnte singen. Na, und dann hatten sich eben die sechs Richtigen
für Dschinghis Khan gefunden.“
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| Kostüme
und Choreografie |
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Nachdem nun
Ralph Siegel seine Gruppe zusammen hatte, waren noch knapp fünf Wochen
Zeit bis zur deutschen Grand-Prix-Vorentscheidung. Und dann begann eben
das, was er selbst mit gepflegtem Understatement als »Strapaze«
bezeichnet. Die sechs Dschinghis Khan-Mitglieder mußten sich natürlich
erst mal beschnüffeln. Wer konnte denn vorher wissen, wie sie alle
zueinander passen würden. Und wenn man gemeinsam auf der Bühne stehen
soll, Tage und Nächte gemeinsam verbringen soll, muß auch der persönliche
Kontakt untereinander in Ordnung sein. Also gingen Steve, Henriette,
Edina, Louis, Wolfgang und Leslie gemeinsam spazieren, verbrachten die
Abende zusammen, gingen einkaufen und lernten sich dabei eben so richtig
kennen. „Es war wichtig, daß sich die Gruppenmitglieder auch als
Menschen, als Privatpersonen, verstanden. Man merkte ziemlich schnell, daß
es da eine Verständigung gab, die erstens musikalisch sehr nahe lag und
zweitens auf der einen Seite menschlich mit viel Humor und auf der anderen
Seite auch mit viel Ernsthaftigkeit verbunden war“, fasst Ralph Siegel
seine Eindrücke aus der »Kennenlernphase« der Gruppe zusammen.
Nun aber hatte sich die Gruppe mit einem Problem auseinanderzusetzen, das
sich scheinbar bis heute noch nicht gelöst hat: Zeitdruck. Trotz des
immensen Arbeitsaufwandes, den alle Beteiligten am Dschinghis Khan-Projekt
aufbringen, sollte der Tag für Dschinghis Khan eigentlich mindestens
achtundvierzig Stunden haben.
Zuerst einmal mußten die Kostüme geschneidert werden. Nun hatte Ralph
Siegel zwar eine Vorstellung, eine Konzeption im Kopf - die Realisation
aber war natürlich mit vielerei Schwierigkeiten verbunden. Beauftragt
wurde ein Profi: Marc Mano, 30jähriger Münchner mit Atelier in der
Leopoldstraße, ist schon seit über zehn Jahren damit beschäftigt,
deutsche und internationale Künstler für Bühne und Foto »anzuziehen«.
Zu seinen Kunden zählen Amanda Lear, Silver Convention, Chris Roberts und
Howard Carpendale genauso wie Peter Maffay, Roberta Kelly, D. D. Jackson
und Claudia Barry. Seit gut fünf Jahren ist der Schneidermeister führend
in der Discomode: Ihn interessiert dabei weniger das Musikalische als das
Glitzernde. Satinstoffe, Pailettenkleider, Glitzerhosen und andere
wertvolle Ausstattungsdetails füllen bei ihm Ständer und Regale. Mit
Ralph Siegel und der Gruppe plante und schneiderte Mano all das, was
Dschinghis Khan auf Fotos, Plattenhüllen, bei TV-Auftritten und Bühnenshows
auf dem Leibe zu tragen pflegt. Stundenlange Anproben, komplizierte Stoff-
und Farbenauswahl, Änderungen in Länge, Kürze und Weite: Bis Dschinghis
Khan die ersten fertigen Kostüme in den Reisekoffer packen konnte, musste
viel Arbeit, Zeit und Geld investiert werden.
Die Angelegenheit wurde außerdem noch dadurch kompliziert, daß Zeitungen
und Zeitschriften bereits Fotos anforderten, um ihre Grand-Prix-Ausgaben
vorzubereiten. Erinnert sich Ralph Siegel: „Wir standen immer vor dem
drohenden Dilemma ‚Kinder, wir werden keine Fotos haben‘. Ich war
schon sicher, dass es in einigen Zeitungen keine Fotos von der Gruppe
geben würde, sondern nur ein großes Fragezeichen mit dem Satz ‚Wer ist
Dschinghis Khan?‘. Als wir dann die ersten Fotos für die Presse
anfertigten, waren einige Kostüme noch zusammengesteckt. Man kann das
auch daran sehen, daß die Aufnahmen auf den späteren Plattenhüllen dann
ganz anders sind als die ersten Fotoaufnahmen.“
Zu der Arbeit an den Kostümen kam eine weitere wichtige Aufgabe, um das
Konzept »Dschinghis Khan« optisch optimal zu präsentieren: Die
Zusammenarbeit mit einem Visagisten. Das sind Leute, die im Rahmen einer
kosmetischen Gesichtspflege Gesichtsausdrücke verändern können. Mit
Schminke, Puder, Lidstrich und anderen kosmetischen Geheimtricks können
Gesichter strahlender, ernster und markanter gestaltet werden. Diese
Arbeit ist schon allein deswegen notwendig, damit nicht zum Beispiel im
Fernsehstudio bei dem für die TV--Aufnahmen notwendigen sehr hellen Licht
ein Gesicht seine Konturen verliert und der Zuschauer nur noch ein
fleischfarbenes, ovales Etwas sieht.
Das Siegel-Team holte sich dafür eine der bekanntesten und
erfolgreichsten Visagistinnen:
Heidi Moser, die in eigenen Studios in New York, Paris und München
zahlreiche internationale Bühnenstars pflegt und für Bühne und
Fernsehen optimal schminkt, beschäftigte sich fortan mit den Gesichtern
der Gruppe Dschinghis Khan.
Kostüm und Maske waren bereits ein Problem, das viele andere in dieser
kurzen Zeit kaum gemeistert hätten. Nun sollte Dschinghis Khan ja nicht
nur gutaussehend auf der Bühne herumstehen, sondern auch noch einen Song
singen und dazu perfekt tanzen. Also stellte sich für Ralph Siegel die
Aufgabe einer choreographischen Konzeption: „Ich habe nach einem
Choreographen gesucht und bin dabei auf einen mir bereits bekannten und
sehr, sehr erfolgreichen gestoßen: Hannes Winkler. Ich habe ihn
eingeladen und ihn für die Dschinghis Khan-Geschichte begeistern und
gewinnen können.“
Hannes Winkler ist einer der großen Choreographieprofis in Deutschland:
Er formte zahlreiche Femsehballette, arbeitet ständig für das Zweite
Deutsche Fernsehen und gestaltete zum Beispiel die Sendung Musik ist
Trumpf. Winkler machte sich sofort an die Arbeit. Nun ist diese Aufgabe
fast der schwierigste Teil der Grand-Prix-Vorbereitungen gewesen: Das lag
daran, dass die meisten Dschinghis Khan-Mitglieder in Sachen Choreographie
absolute Newcomer waren. Lediglich Louis Potgieter, der ja als Berufstänzer
jahrelang an vielen internationalen Bühnen klassisches Ballett getanzt
hatte und Henriette Heichel mit ihrem langen Training als Schlittschuhläuferin
konnten auf Erfahrung zurückblicken. Die anderen waren zwar mit
Tanzschritten und Taktgefühl vertraut, hatten aber noch nie nach einer
geplanten und synchron ablaufenden Choreographie tanzen müssen. Stunden-
und tagelanges Arbeiten begann. Während der Termin 17. März - der Tag
der deutschen Vorentscheidung - immer näher rückte, arbeitete Dschinghis
Khan von morgens früh bis abends spät, um das später fröhlich und
locker aussehende Programm perfekt auf die Beine zu stel-len.
Hannes Winkler, der in diesen Tagen fast ständig mit der Gruppe
zusammenarbeitete, ist seit dieser Zeit nicht nur Choreograph, sondern
Freund der Gruppe: „Es hat sich eine Art Betreuungsverhältnis zwischen
Hannes Winkler und Dschinghis Khan entwickelt, eben ein sehr
freundschaftliches Verhältnis. Hannes Winkler ist so etwas wie das 7.
Dschinghis Khan-Mitglied geworden. Er hilft bei der Gestaltung der Kostüme
mit; er organisiert den Bühnenaufbau bei TV-Auftritten; er hilft den
Fernsehregisseuren, einen Teil der Bildregie vorauszuplanen, damit Kostüme,
Choreographie, Song sowie Bühnen- und Kamerabild zueinander passen. Das
hat ihn natürlich Tag und Nacht beschäftigt, aber er hat alles andere
zur Seite geschoben, sich nur noch um die Gruppe gekümmert und in
wochenlanger Kleinarbeit eine Choreographie aufgebaut.
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| Plattenproduktion |
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Wer bis
jetzt noch nicht den Eindruck hat, dass für den kurzen Moment eines
Auftritts, den wir Zuschauer als lockere, leichte und angenehme
Unterhaltung empfinden, sehr hart gearbeitet werden muss, läßt sich
vielleicht von den folgenden Eindrücken Ralph Siegels überzeugen. Wie
kein Zweiter hat er als Planer und Organisator, als Freund, Produzent und
Komponist der Gruppe ihre Entstehung und ihr hohes Arbeitspensum miterlebt
und mitgetragen. Hier ein Ausschnitt aus seinem Augenzeugenbericht:
„Vielleicht kann man sich vorstellen, was es bedeutet, fünf Wochen lang
mit der Nervenanspannung ‚Am 17. März muß alles fertig sein‘ zu
leben und zu arbeiten. Da muss gleichzeitig eine Plattenproduktion gemacht
werden, da ist die Choreographie einzustudieren, sind Kostüme zu machen,
Fotos zu erstellen - und das alles mit Leuten, die sich eben erst
kennengelernt haben. Da gehört natürlich ein ungeheures Zugehörigkeitsgefühl
der Gruppe und aller Beteiligten dazu. Ein großer, erweiterter Kreis
musste mitarbeiten, angefangen bei mir selbst und im Rahmen meiner
Plattenfirma und meiner Produktion. Von der Promotionarbeit bis zur persönlichen
Betreuung:
Wenn Schuhe nicht passten, Pässe verlängert werden mussten usw., eben
die Koordinierung von sechs verschiedenen Menschen, die vom einen auf den
anderen Tag aus ihrem normalen Tagesablauf gerissen worden waren. Da
mussten viele persönliche Angelegenheiten erledigt werden und so weiter.
Wir haben gemeinsam einen Terminplan aufgestellt, der zum Fürchten war,
wie man so schön sagt. Ein Terminplan, wie ihn ein Minister hat. Die
Choreographie zum Beispiel: So was lernt man ja nicht in einer Probe. Da müssen
erst mal die Grundtendenzen festgelegt werden; das muß dann geprobt
werden und noch mal geprobt werden. Dann platzen die Kostüme, und wir
stellen fest, die Kleider müssen aus Stretchmaterial sein, damit wir
damit überhaupt tanzen können. Dann müssen alle Kostüme neu
geschneidert werden, damit man damit auch tänzerisch arbeiten kann.
Und das ging bei fast allen Dingen so weiter. Es war am Anfang ein
ziemlicher Stress, der aber in der Begeisterung aller unterging und in der
Zuversicht, es zu schaffen. Und dann hat uns natürlich auch die Tatsache
nervös gemacht, dass bis dahin keiner die Gruppe Dschinghis Khan kannte
und die Konkurrenz bei der deutschen Vorentscheidung sehr stark war. Die Sänger
waren ja teilweise sehr bekannt und schon lange professionell eingespielt:
Roberto Blanco zum Beispiel, der ein Vollprofi ist und ganz genau weiß,
wie er sein Publikum begeistern kann. Oder die fröhlichen »Truck Stop«
oder eben auch Paola, die damals gerade einen großen Hit hatte. Gerade
Paola war die absolute Favoritin für die Vorentscheidung. Und unser
Nervenkostüm begann natürlich immer mehr zu zittern.
Bevor aber die Teilnehmer der deutschen Grand-Prix--Vorentscheidung sich
in der Münchner Sedlmayr-Halle der Jury stellen konnten, mußte noch eine
ganz andere, aber eigentlich die wichtigste Voraussetzung geschaffen
werden: Dschinghis Khan musste den Song „Dschinghis Khan" auf
Schallplatte aufnehmen. Dass dies mit sechs ausgewachsenen Profis zu
machen ist, dürfte jedem klar sein; wieviel Arbeit aber in der Produktion
einer Schallplatte steckt, dürften nur die wenigsten wissen. Wie das vor
sich geht, wie überhaupt eine Schallplatte zustande kommt, erzählt Ralph
Siegel so:
„Zuerst einmal wird eine Idee bzw. ein Konzept erarbeitet. Da sind die
Autoren und Textdichter, die Tage und Nächte daran sitzen, einen Text zu
verbessern und zu vervollkommnen. Dann spielt man dieses Ergebnis dem Künstler
vor und fragt ihn, ob ihm das Lied gefällt. Ich würde nie ein Lied mit
einem Künstler aufnehmen, das ihm nicht gefällt. Ein Künstler muss an
einem Lied Gefallen finden, daran Spaß haben. Er muß die Intention
haben, dieses Lied zu singen. Schließlich ist er es ja, der damit dann
auf der Bühne stehen muß. Und wenn dem Künstler das Lied gefällt,
werden die Tonarten festgelegt. Bei einem Solisten ist das meistens noch
ein bißchen einfacher, weil der Stimmumfang im allgemeinen vorgegeben
ist. Wenn man aber mit einer Gruppe arbeitet, ist das wiederum sehr schön,
weil man von den tiefen Männerstimmen bis zu den hohen Damenstimmen ein
bedeutend größeres Spektrum hat. Ich kann mit einer Gruppe
kompositorisch viel mehr machen, weil ich nicht auf eine Männerlage oder
die meistens noch kleinere Frauenlage festgelegt bin. Man sitzt also mit
dem Künstler am Klavier, legt dieTonarten fest und beginnt dann mit dem
Arrangeur, die ganze Nummer zu besprechen. Da wird die Stilistik des
Liedes festgelegt: was die Streicher spielen sollen, was von den
Rhythmusinstrumenten gemacht werden soll, was dieses Instrument spielt
oder jenes Instrument spielen soll. Und dann beginnt die Arbeit im Studio:
Zuerst wird das sogenannte Grundplayback angefertigt, d.h., es spielen
meistens so vier oder fünf Musiker Bass, Schlagzeug, Gitarre und Klavier
auf ein Mehrspurband. Darauf kommen dann die Overdubes, die Überspielungen:
Das sind weitere Gitarren oder Tambourin oder Synthesizer oder ähnliche
Instrumente, je nach Arrangement. Danach kommen meist Streicher - falls
man Streicher bei dem Titel haben will - oder Bläser, oder Flöten, oder
Klarinetten. Erst dann singt der Künstler seine Stimme, also den
eigentlichen Titel auf dieses Band. Und dann wird gemischt. Das ist eine
Heidenarbeit. Wir verbringen bei Singles zwischen einem und drei oder vier
Tagen mit der Mischung. Das heißt nicht, dass man zum Beispiel mit einer
Mischung Gold aus einer Stimme machen kann. Die Stimme bleibt immer eine
Stimme. Der Laie glaubt immer, man könne eine Stimme durch Technik sooo
viel besser machen. Das stimmt gar nicht. Die Stimme bleibt immer die, die
sie ist. Man kann nur das Verhältnis von Hall verändern. Also, wenn man
keinen Hall nimmt, klingt das etwa so, als ob einem jemand ins Ohr singt.
Und wenn man nun eine andere, räumliche Atmosphäre schaffen will, muss
man eben mehr Hall nehmen. Und dann ist natürlich wichtig, in welchem
Verhältnis die Stimme zum Orchester gemischt wird. Wenn man also
teilweise bis zu sechzig Mann Orchester bei einem Titel hat, dann ist natürlich
wichtig, wer in welchem Verhältnis singt oder spielt. Wenn die Stimme zu
laut ist, höre ich das Orchester nicht, und ist das Orchester zu laut, höre
ich die Stimme nicht mehr. Jetzt möchte man aber an einer Stelle des
Songs die Streicher hören und trotzdem die Stimme und so weiter. Das
Ganze ist eine furchtbar schwere Arbeit. Viele Nichtprofis unter den
Produzenten haben hier die meisten Probleme, dieses ganze musikalische
Bild, das aus so und so viel verschiedenen Farben besteht, zum richtigen
Bild zusammenzumischen. Hier werden sehr viele Produktionen kaputtgemacht.
Das ist der letzte, aber eben wichtigste Handgriff bei einer Produktion.
Wenn die Stimme zu weit drinnen ist, kann man den Text nicht mehr
verstehen. Kommt jetzt aber die Stimme zu weit vor, dann ist der Rhythmus
manchmal weg. Und die Arbeit ist eben, das Bild so abzurunden, daß das
Publikum sagt: ‚Ja, das gefällt mir.‘ Dieses Gefallen hervorzurufen,
darin besteht die Aufgabe des Produzenten.“
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| 17. März
1979: Die deutsche Vorentscheidung |
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Für
Dschinghis Khan rückte der große Tag des ersten großen Auftritts immer
näher. Schon bei der Generalprobe zur Vorentscheidung waren sich die
beobachtenden Insider gar nicht mehr so sicher, ob nicht Dschinghis Khan -
die ja vorher noch niemand gesehen hatte - nicht doch der große Außenseiter-Geheimtip
wären. Drei Minuten hatte Dschinghis Khan Zeit, dem deutschen
Fernsehpublikum und den Juroren zu zeigen, dass sie den besten Beitrag
singen würden.
Für die Siegerermittlung hatten sich die Organisatoren dieser
Vorentscheidung übrigens etwas ganz Besonderes ausgedacht: Die
Entscheidung mitbestimmen konnten 6oo Zuschauer, die vorher angerufen
worden waren und deren Entscheidung später via Telefon abgefragt und
durch eine Punkterechnung über einen Computer des Umfrageinstituts
Allensbach zusammengerechnet wurden.
Die ersten Stimmen, die an jenem denkwürdigen 17. März 1979 zu später
Stunde in der Walter-Sedlmayr-Halle in München durch den Computer
rollten, gaben dem Dschinghis Khan-Konzept Ralph Siegels recht: Nach einer
Minute war schon fast alles gelaufen. Im weiteren Verlauf änderten sich
zwar noch die Plazierungen für den Zweiten und den Dritten, der Sieger
aber stand fest: Dschinghis Khan.
Ralph Siegel, der mit den anderen Beteiligten hinter der Bühne saß und
gebannt auf die Computerzeilen starrte, berichtete später: „Das war natürlich
ein ungeheures Gefühl, als wir Sieger der Vorentscheidung wurden. Ich saß
da mit meinem Freund Bernd Meinunger, und wir hielten uns an den Händen
und wären vor Freude beinahe innerlich zersprungen. Wenn man die ganzen
Wochen mit einer solchen inneren Spannung gelebt hat, könnte man
‚hurra‘ schreien. Da sagt man sich dann ganz erleichtert ‚Mensch,
das hat geklappt. Das ist ja phantastisch.‘ Die erste Freude wurde natürlich
dadurch gedämpft, dass wir die ganze Geschichte in einer Woche in
Jerusalem wiederholen mussten.“
Schon am nächsten Tag wirbelte der Dschinghis Khan-Erfolg durch alle
deutschen Zeitungen. Und bevor sich Ralph Siegel und Dschinghis Khan darüber
im klaren waren, dass sie nun für Deutschland nach Israel fahren würden,
war der Song schon in aller Munde. Sofort wurden die musikalischen
Senkrechtstarter ins Fernsehstudio geladen: Disco, Drehscheibe und Die
aktuelle Schaubu-de des NDR waren der TV-Einstieg der neuen Gruppe. Und während
fast alle sich mit Dschinghis Khan über den ersten Erfolg freuten, ging
die Arbeit weiter: Bis zum Abflug nach Israel mussten die Kostüme noch
verbessert werden, Reisepässe standen zur Verlängerung an, Koffer
mussten gepackt werden, Flugtickets gebucht werden. Für Jerusalem sollte
dem internationalen TV-Publikum - immerhin rund eine halbe Milliarde
Menschen an den Bildschirmen in aller Welt - eine noch perfektere
Choreographie geboten werden. Inzwischen kannte man in der Dschinghis
Khan-Zentrale in der Münchner Höchlstraße schon die internationalen
Konkurrenten: Via Videoaufnahmen hatten sich Ralph Siegel, Wolfgang und
Henriet-te Heichel, Leslie Mándoki, Steve Bender, Louis Potgieter und
Edina Pop jene Sänger, Sängerinnen und Musiker angeschaut, mit denen sie
sich in Jerusalem um den Grand Prix zu streiten hatten.
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| Der
Grand Prix |
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Am 25. März
1979 war es dann soweit. Auf dem Terminplan der Gruppe stand nur
lakonisch: „12.30 Uhr Treffen auf dem Flughafen. 14.30 Uhr Abflug nach
Athen/Tel Aviv.“
Wolfgang Heichel, den die Gruppe zu ihrem Sprecher gewählt hatte, erzählt,
wie es zuging:
„Abflug. Vorher Koffer kaufen, Wohnung abschließen - keiner von uns war
ja auf so was vorbereitet. Wir waren plötzlich Stars. Das hat sich zwar
immer jeder von uns gewünscht, aber jetzt war's plötzlich soweit. Also
Abflug nach Israel. Schon bei der Zwischenlandung in Athen sind die
Grenzbeamten auf uns zugekommen und riefen ‚Dschinghis Khan,
phantastisch!‘. Die hatten uns in ihrem Fernsehprogramm gesehen, wo
bereits alle Lieder für die Endausscheidung vorgestellt worden waren. In
Israel haben wir gleich Proben gehabt. Das Ganze war irrsinnig abgesichert
mit vier, fünf Militärringen um die Halle. Die Halle war circa
zweihundert Meter von unserem Hotel entfernt. Wir gingen also nur immer
die paar Meter vom Hotel zur Halle und von der Halle zum Hotel. Und immer
wieder Kontrollen und Maschinengewehre. Außerdem war es irrsinnig windig,
der Klimawechsel geht sofort auf die Stimme. Und da habe ich richtig Angst
gehabt, dass ich keinen Ton herausbringe. Na ja, wir haben die erste Probe
gemacht, so den ersten lockeren Durchlauf. Da haben wir dann auch die
ganzen Teilnehmer kennengelernt. Und - das muß ich wirklich sagen - es
gab überhaupt kein Konkurrenzdenken unter den Teilnehmern. Das ging nur
immer ‚Shalom‘, ‚Ciao‘,
‚Hey‘. Alle waren furchtbar lieb und sehr aufgeschlossen. Und vom
ersten Tag an war eigentlich allen Israelis klar, dass wir gewinnen würden.
Man dachte: ‚Gut, dieses Jahr wird Deutschland Sieger.‘ Man merkte das
auch an ganz witzigen Kleinigkeiten: Die Kellner in unserem Hotel zum
Beispiel hatten Wetten auf uns abgeschlossen. Wie beim Pferderennen. Die
haben nicht auf Israel gesetzt, sondern auf uns. Die Leute sind aus den
Geschäf-ten herausgelaufen, haben uns umarmt und gesagt ‚Dschinghis
Khan ist riesig. Wir lieben euch. Ihr seid phantastisch‘ - so komisch
das jetzt vielleicht auch klingt, aber es war so. Das war wirklich eine rührende
und herzliche Sache. Die Proben in Israel liefen dann immer besser. Das
Orchester war hervorragend. Wir haben jeden Tag geprobt wie die
Wahnsinnigen. Und dann kam der Abend der Endausscheidung. Der ganze
Komplex wurde hermetisch abgeriegelt. Nachträglich hat man uns erzählt,
dass da sogar Raketenabwehr auf dem Dach stationiert war. Einen Tag vorher
hatte der israelische Ministerpräsident Begin noch in der Knesset - dem
israelischen Parlament - zum Thema Frieden gesprochen. Überall starke
Bewachung also. Die Israelis hatten einfach Angst vor Terroristen. In der
ersten Nacht zum Beispiel, die wir in Jerusalem verbrachten, sind
verschiedene Leute aus dem Bett gefallen, weil irgendwo in der Altstadt
eine Bombe hochging. Ich hab' im Halbschlaf gedacht, das ist ein Gewitter.
Anderen ist das ganz schön unter die Haut gegangen. Mit der Bewachung
lief das übrigens ganz angenehm. Man empfand diese Militärkontrollen gar
nicht störend. Sie haben einem ein unheimliches Sicherheitsgefühl
gegeben ohne aufdringlich geworden zu sein. Überhaupt war der Eindruck
von den Menschen in Israel phantastisch.“
Die ungeheure Beliebtheit, die Dschinghis Khan nicht nur bei den Israelis,
sondern auch bei den am Grand Prix teilnehmenden Musikern genoss, beweisen
zwei weitere Augenzeugen: So berichtete in einem Zeitungsinterview Gali
Atari, die Sängerin der israelischen Gruppe Milk And Honey - die ja später
Sieger des Grand Prix wurden: „Ich glaube schon, dass unser Lied
‚Hallelujah‘ Chancen hat, aber mir gefällt das Lied von den Deutschen
auch sehr gut. Wahrscheinlich schaffen sie es.“
Und Ralph Siegel, der im Hintergrund mit seinen Schützlingen zitterte,
berichtet: „Die Gruppe wurde in Israel - was wir alle nicht erwartet
hatten - so herzlich empfangen. Überall, wo wir gerade waren, riefen uns
die Menschen zu ‚Ihr gewinnt, ihr gewinnt‘. Das ist natürlich auf der
einen Seite nicht so gut, wenn man vorher so zum Favoriten gestempelt
wird, aber auf der anderen Seite gibt es einem natürlich Mut, und man
strahlt dabei und denkt sich ‚na ja, wir müssen schon ganz gut sein‘.
Es gibt einem schon eine gewisse Rückenstütze.
Und die Israelis haben eine phantastische Arbeit geleistet. Das ist ja
eine ziemlich schwere Aufgabe, so ein Liveprogramm auf die Beine zu
stellen. Aber es gab ganz klare Terminpläne, und die Proben liefen gut,
und die Femsehleute waren nett - alle waren reizend.' Und am Tag der
Generalprobe hatte die Gruppe dann solch einen Erfolg, daß die Leute im
Saal getobt haben.“
Bei der Endausscheidung war Dschinghis Khan wie in Deutschland an 9.
Stelle an der Reihe. Erinnert sich Wolfgang Heichel: „Für uns lag
Griechenland sehr stark im Rennen. Aber wir sehen so was ja immer als
Musiker, weniger als Zuschauer oder Zuhörer. Sich selbst vergisst man
immer bei den Überlegungen, wer nun Sieger werden könnte. Man sagt sich
immer, die anderen sind so stark; wir gehen auf die Bühne und machen es
so gut wir können. Gut, jeder von uns hat sich natürlich gewünscht,
Sieger zu werden; vor allem, weil wir diese ungeheuren Vorschusslorbeeren
bekommen hatten. Da kamen zum Beispiel ein paar Stunden vor dem Grand Prix
ein paar Journalisten von schwedischen Zeitungen zu uns in die Garderobe
und fragten: ‚Wie fühlt man sich denn so als heimlicher Sieger?‘
Am späten Abend ging dann das große Zählen los. Das war sehr spannend.
Wir lagen auch gut im Rennen, bis Deutschland dem israelischen Lied keinen
Punkt gegeben hatte. Wir waren dann mit unserem 4. Platz doch sehr
zufrieden; die Politik war ja doch wieder zum Tragen gekommen. Weil
Deutschland dem Gastgeberland nicht mal einen Punkt gegeben hatte,
entstand das Politikum, obwohl es bis dahin absolut keines gegeben
hatte.“
Israel wurde trotz des 4. Platzes für Dschinghis Khan der endgültige und
vor allem internationale Durchbruch zum Erfolg.
Als Dschinghis Khan nach Deutschland zurückkam, haben sich auch
bundesdeutsche Popfreunde mit der Gruppe gefreut. Schon lange hatte sich
kein deutscher Grand-Prix-Beitrag mehr bei der Endausscheidung so weit
vorn plazieren können, war dem Sieg so nahe gewesen.
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Erfolge... |
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Nach der
Festivalroutine begann für die Gruppe die harte Arbeit der Showroutine.
Innerhalb weniger Wochen waren die ersten 300 000 Singles Dschinghis Khan
verkauft; bekamen die Interpreten die erste goldene Schallplatte. Jeden
Tag klingelten sich in Ralph Siegels Zentrale die Telefone heiß: Jeder
wollte Dschinghis Khan in seiner Sendung auftreten lassen. Groß
aufgemachte Zeitungs-storys berichteten über die Gruppe; zahlreiche
farbige Titelblätter schmückten die deutsche Poppresse. Dschinghis Khan
reiste zu Femsehauftritten nach Holland und Italien. Und auch in
Deutschland hatten sich die TV-Kameras auf Dschinghis Khan einzustellen:
Hitparade mit Dieter Thomas Heck, Disco mit Ilja Richter, Starparade mit
Rainer Holbe.
Während die Gruppe nach dem Grand Prix bundesweit ein enormes
Stressprogramm absolvierte, saßen Ralph Siegel und Bernd Meinunger schon
wieder über dem nächsten Problem: Was passiert nach dem Titel
„Dschinghis Khan“? Wie wird die nächste Single heißen? Wie sollen
die Songs der Langspielplatte aussehen? Dies waren die Fragen, mit denen
sich der Dschinghis Khan--Schöpfer und sein Team auseinanderzusetzen
hatten. Der Meister aber hatte bereits etwas in der Schublade: Schon bevor
Dschinghis Khan überhaupt zur Vorentscheidung in München auf der Bühne
gestanden hatte, war Komponist Ralph Siegel auf den richtigen Song
gekommen: „Ich bin eines Nachts um vier Uhr aufgewacht und hatte plötzlich
die Idee zu Moskau. Und ich bin in der Nacht sofort aufgestanden und habe
das ganze Lied - allerdings ohne Text, nur mit der Zeile „Moskau“ -
auf dem Klavier gespielt und habe gehofft, daß es mir am nächsten Tag
noch gefallen würde. Und ich bin am nächsten Morgen aufgestanden und
habe mir das Lied angehört und versichert: ‚Das ist's!‘ An Moskau
haben Bernd Meinunger und ich dann sehr lange gearbeitet. Besonders Bernd.
Er hat den Text immer wieder neu geschrieben. Die Problematik bei dem Lied
war, es nicht politisch zu schreiben. Es ergab sich natürlich wieder eine
östliche Atmosphäre, und außerdem kam mir die Tatsache der Olympischen
Spiele 1980 in Moskau insofern zu Hilfe, als ich sagte, ‚nehmen wir doch
die olympischen Farben, die ja wunderbar in fünf Personen darstellbar
sind‘.“
Gleichzeitig mußte natürlich auch an einer neuen Choreographie
gearbeitet werden: Bevor Moskau dem verdutzten deutschen Publikum am 14.
Juni in Rainer Holbes Starparade vorgestellt werden konnte, arbeitete
Hannes Winkler wieder mit den sechs Dschinghis Khan-Mitgliedern tage- und
wochenlang im Tanzstudio, um neue Einfälle und neue Schrittkombinationen
in die Tat umzusetzen.
Gleichzeitig brütete das Siegel-Team über einer Langspielplatte: Im
Gegensatz zu anderen, zusammengestellten Gruppen beteiligten sich die
einzelnen Dschinghis Khan-Mitglieder an der LP-Arbeit. so schrieb Leslie Mándoki
zum Beispiel die Musik zum Titel Puszta und Steve Bender die Melodie zu Paß
auf der Drache kommt.
Hier wird auch ein ganz genereller Unterschied zu einer Gruppe wie zum
Beispiel Boney M. deutlich:
Dschinghis Khan singt und zeigt nicht nur das, was andere ihnen schreiben
und komponieren, sondern arbeitet an dem Konzept »Dschinghis Khan«
selbst mit. Wolfgang Heichel zum Beispiel sagt: „Wir sind keine
Discogruppe, wir sind nicht Boney M. Wir möchten halt Entertainment
machen, wir möchten dem Publikum einfach ein bisschen Freude bringen. Und
das drückt sich darin aus, daß wir die Sinne der Zuschauer beschäftigen.
Wir wollen, daß der Zuschauer etwas zu sehen bekommt, wir wollen seine
Phantasie anregen. Das Publikum soll sagen ‚Mensch, da kommt Dschinghis
Khan. Da schauen wir hin. Mal sehen, was die sich jetzt wieder ausgedacht
haben.‘ Wir wollen einfach Freude bereiten, weil Dschinghis Khan uns
selbst Freude bereitet. Dass wir damit richtig liegen, zeigen die 30 000
oder 40 000 Briefe Fanpost.“
Und Ralph Siegel ergänzt: „Die Zukunft der Gruppe bezieht sich in
erster Linie auf die sechs Mitglieder selbst. Ich glaube, dass längerfristig
das Konzept die Gruppe selbst ist. Die sechs haben so viel selbständige
musikalische Potenz: Leslie Mándoki komponiert selbst, der Steve
komponiert, und Wolfgang Heichel schreibt auch Lieder. Edina spielt
hervorragend Klavier - alle machen gern und gute Musik. An erster Stelle
wird auch in Zukunft bestimmt nicht die Krone von Louis oder die Glatze
von Steve stehen, sondern die Tatsache, dass die Gruppe in sich eine
starke musikalische Gruppe sein kann und ist. Man muss heute - das ist
meine persönliche Meinung - im Showbusiness ein bisschen mehr machen, als
sich nur im schwarzen Anzug vor ein Mikrofon zu stellen. Ich glaube, das
haben uns viele internationale Künstler gezeigt. Nehmen Sie nur Village
People, die haben sich auch ein bißchen mehr ausgedacht. Wir arbeiten ja
fürs Fernsehen, wir arbeiten fürs Publikum. Die Schallplatte ist ein
Medium, das als Schallplatte in sich bestehen bleiben muss, aber wenn die
Gruppe einen Fernsehauftritt oder ein Konzert hat, dann wollen die Leute
meiner Ansicht nach nicht nur etwas hören, sondern auch etwas sehen. Und
da gehört eben ein bißchen mehr dazu als nur der dunkle Anzug. Da kann
man dem Zuschauer ein bisschen mehr bieten, und Dschinghis Khan ist nicht
nur dazu begabt, sondern geradezu prädestiniert: Sie sehen gut aus, sie
tanzen gut, sie sind musikalisch, sie haben sehr viel Charme und auch den
Willen, dem Publikum eben mehr zu bieten als nur sechs Leute, die vor dem
Mikrofon stehen und ein Lied singen. Entertainment ist das altgebrauchte
Wort dafür, und ich bin eigentlich ein Mensch, der das Entertainment
liebt.“
Während man sich also in der Münchner Höchlstraße in einer alten Villa
- dem Sitz der Siegel-Musikverlage - über die weitere Zukunft der Gruppe
Dschinghis Khan ernsthafte Gedanken machte, marschierte die Gruppe auch in
den ausländischen Hitparaden ganz nach vorne:
Wochenlang hielt sich der Titel in den Charts von Australien, Holland, Dänemark,
Schweden, Schweiz, Norwegen und Finnland. In zwei Ländern aber war der
Erfolg selbst für die inzwischen in Sachen Dschinghis Khan auf Erfolg
ausgerichteten Münchner Macher frappierend: in Japan und in Israel.
In Japan eroberten die Titel Dschinghis Khan und Moskau in deutscher
Sprache Platz eins der
internationalen Hitparade. Weder vorher noch bis zum heutigen Zeitpunkt
hat je ein deutsches
Lied oder eine deutsche Gruppe den eigenen deutschsprachigen Titel dort
auf Platz eins der
internationalen Charts plazieren können. Berechtigter Jubel also im Hause
Siegel. Schon für das Jahr 1979 riefen die Japaner nach einer Dschinghis
Khan-Tournee durch die Nippon-Insel. Allein der Terminknappheit wegen
konnte die Gruppe nicht fahren. Die Tournee soll nun 1980 realisiert
werden. Inzwischen gibt es eine japanische Coverversion des Liedes
Dschinghis Khan, d.h., ein japanischer Künstler singt in einem neuen
Arrangement den Titel in der Landessprache. Die japanische Version
plazierte sich prompt in den nationalen Charts ganz vorn.
In Israel wurde der Song Dschinghis Khan zum Hit des Jahres 1979. Vierzehn
Tage nach dem Grand Prix - so berichtet Ralph Siegel - war das Lied
bereits auf Platz eins der israelischen Hitparade. Das ist deswegen um so
erstaunlicher, da seit Bestehen des israelischen Rundfunks noch nie ein
deutschsprachiges Lied über den Sender lief, geschweige denn sich in der
Hitparade plazieren konnte.
Ralph Siegels Firmenpartner in Israel riefen verzweifelt in München an
und forderten eine Israel-Tournee der Gruppe. Ihr Kommentar: „Dschinghis
Khan ist im Moment das größte Lied überhaupt. Die Gruppe muß sofort
kommen.“ Am 25. Oktober 79 war es dann wieder soweit: Die Gruppe flog
erneut nach Israel. Trotz Hektik und Stress, trotz Klimawechsel und
Reisestrapazen absolvierte die Gruppe in vier israelischen Städten sieben
30- bis 40-Minuten-Shows. Doch nicht nur das Publikum jubelte. Die Gruppe
hatte bereits eine goldene Schallplatte aus Israel in der Tasche, nun
wurde ihr von offizieller Seite auch noch eine ganz besondere Ehrung
zuteil: Am 31. Oktober erhielten die sechs Dschinghis Khan-Mitglieder aus
der Hand des israelischen Ministers für Kultur den noch ganz jungen »Israel-Egypt-Peace-Price«
-die »Israelisch-Ägyptische Friedensmedaille«. Der Vorgang, in der
Bundesrepublik bisher viel zuwenig beachtet, ist um so höher zu bewerten,
als man um die jüngste deutsche Vergangenheit weiß und die enormen Bemühungen
von Israelis und Ägyptern um einen Frieden im Nahen Osten kennt. Doch die
sechs Münchner sollten noch eine weitere Auszeichnung während dieser
kurzen Israel-Tour erhalten: Dschinghis Khan wurde als der besten Gruppe
des Jahres 1979 der israelische »Oscar 79« überreicht. Auch diese
Auszeichnung hat vorher noch nie eine ausländische Gruppe erhalten.
Auch im eigenen Land war Dschinghis Khan inzwischen hoch geehrt worden:
Schon vor der zweiten Israel-Reise überreichte Radio Luxembourg der
gefeierten Gruppe in der Dortmunder Westfalenhalle den goldenen Löwen,
eine der höchsten Auszeichnungen in der deutschen Popbranche. Natürlich
regnete es auch weiter goldene Schallplatten für Dschinghis Khan: Am 3.
Dezember - die Gruppe bestand zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ein
ganzes Jahr - konnten den sechs Mitgliedern, den Komponisten und Textern für
250 000 verkaufte Langspielplatten die schweren Gold-LPs überreicht
wer-den. Im Rahmen eines fröhlichen Galaabends in der Münchner Diskothek
Club Pine, zu dem Ralph Siegel alle Freunde und Helfer seines
erfolgreichen „Kindes“ Dschinghis Khan eingeladen hatte, wurden die
Auszeichnungen überreicht.
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| "Hadschi
Halef Omar" und die Zukunft |
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Doch die
Gruppe musste sich schon wieder sputen: Noch vor Jahresende sollte der nächste
Singletitel fertig sein: Hadschi Halef Omar, der kleine Helfer des großen
und gerechten Kämpfers Kara Ben Nemsi in Karl Mays orientalischen Erzählungen,
ist der Titelheld des Songs. Für Dschinghis Khan begann damit die Arbeit
wieder von vorn. Neue Kostüme, diesmal von der bekannten Modeschöpferin
»Gisela« mit ihrem Team; neue Choreographie, neue Musik, neue
Studioaufnahmen. Das Ergebnis wurde dem deutschen Publikum zur Jahreswende
präsentiert: In der Silvester-Tanz-Party des Zweiten Deutschen Fernsehens
- vom 10. bis 16. Dezember in Saarbrücken aufgezeichnet - präsentierte
Dschinghis Khan zum erstenmal den neuen Song Hadschi Halef Omar.
Ralph Siegel berichtet über die Idee zu diesem Lied: „Bei den Überlegungen
für eine neue Single kamen wir auf die Tatsache, dass in Deutschland
Kinder und auch Er-wachsene eine Lieblingsfigur in der neuzeitlich älteren
Literatur haben: Karl May. Karl May ist heute noch der von der Jugend
meistgelesene Autor. Und mein Freund Bernd Meinunger kam auf die Idee -
nachdem Winnetou und Old Shatterhand als Lied schon gelaufen waren und wir
ja auch nicht Cowboy und Indianer spielen wollten -, eine Figur zu
besingen, die jung und alt kennt und liebt, eben Hadschi Halef Omar. Ich
hoffe, es werden sich alle so freuen wie die Streicher, die ich bei der
Aufnahme im Studio hatte: Der erste Konzertmeister - der immerhin fast
sechzig Jahre alt ist - hat sich so riesig gefreut; dass er uns gleich den
ganzen Namen dieser Figur gesagt hat: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul
Abbas Ibn Hadschi Dawuhd Al Gossara.
Im April 1980 soll die zweite Langspielplatte von Dschinghis Khan fertig
sein. Sie wird die meisten Dschinghis Khan-Fans verblüffen: In Zukunft nämlich
haben die sechs Musiker und Sänger mit ihrem Produzenten Ralph Siegel
noch eine Menge vor. Kommentiert Ralph Siegel geheimnisvoll: „Wir haben
mit Hadschi Halef Omar noch einmal ein Lied gemacht, das verhältnismäßig
leichte Popmusik mit keinem zu gravierend ernsten Text ist, sondern die fröhliche
Beschreibung der bekannten Person Hadschi Halef Omar. Auf dem neuen Album
werden wir noch einige teilweise zeitkritische, beziehungsweise
retrospektive Themen anfassen. Ich möchte trotzdem jetzt noch nicht darüber
sprechen, weil unsere Ideen nämlich sehr ausgefallen sein werden. Ich
glaube, dass das, was wir musikalisch anzubieten haben, wiederum die
Erwartungen einiger übertreffen wird.“
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