Der
legendäre Obermongole Dschingis Khan starb vor 780 Jahren unter
unbekannten Umständen. 21 Jahre lang hatte er bis nach Europa
Angst und Schrecken verbreitet, sein Reich erstreckte sich am
Ende vom Chinesischen Meer im Osten bis zum Kaspischen Meer im
Westen und war doppelt so groß wie heute die USA.
1985
löste sich die Popband Dschinghis Khan aus mysteriösen Gründen
auf. Innerhalb von sechs Jahren Tanz und Gesang hatte das
Sextett fast den gesamten Globus erobert. Sowohl in Deutschland
als auch in Israel, Japan, Australien und in der Sowjetunion
stand die ausgelassene Hohohoho-Horde auf dem
Hitparaden-Himalaya. Das haben bisher keine anderen
deutschsprachigen Musiker geschafft.
Jetzt,
mehr als zwei Jahrzehnte später, planen drei Bandmitglieder von
damals, die nun zwischen 53 und 66 Jahre alt sind, die
Wiedergeburt als Dschinghis Khan III.. Erste Testkonzerte in
Ulan Bator (Mongolei), Sankt Petersburg und Moskau sind schon
absolviert, derzeit wird in einem Studio in Unterföhring am
neuen Album gebastelt, auf dem acht frische und sechs alte
Lieder zu hören sein sollen.
Wohl
jeder Deutsche über 35 dürfte - ob er nun will oder nicht -
die Vorschlaghammer-Melodien (Dsching-dsching-dschinghis-Khan)
und Faust-auf-den-Tisch-Texte ("Werft die Gläser an die
Wand, Russland ist ein schönes Land") kennen. Und fast
jeder erinnert sich auch an den Mann mit der Krone (Louis
Hendrik Potgieter), an den Glatzkopf (Steve Bender) und den
langmähnigen Schnurrbarttyp (Leslie Mandoki). Drei Charakterköpfe,
die beim Comeback allerdings fehlen werden; Potgieter starb 1993
an Aids, Bender erlag 2006 einem Krebsleiden, Mandoki produziert
inzwischen lieber Rockmusik und lässt keine Gelegenheit aus, um
sich von seiner Pluderhosen-Vergangenheit zu distanzieren.
Absage von
Siegel
Übrig
sind heute die Sängerinnen Edina Pop, 66, und Henriette
Strobel, 53, sowie Wolfgang Heichel, 56. Die haben sich zwar
durchaus gut gehalten und sehen nach vier Stunden Make-up jünger
aus, als sie sind. Aber ob das reicht, um das Publikum vom Stuhl
zu reißen und in den Plattenladen zu treiben?
"Die
Begeisterung ist nach wie vor extrem", tönt Heinz Groß,
der Manager. "In Moskau spielen die Radiosender noch heute
drei Dschinghis-Khan-Songs am Stück." Für seinen
internationalen Feldzug stellt der gebürtige Österreicher und
Wahl-Augsburger den ergrauten Ex-Stars jugendliche Mitstreiter
zur Seite.
Diese
schwäbisch-oberbayerische Tanzcrew soll mit Säbeln, Schwertern
und Streitäxten Action auf die Bühne und auf die
Fernsehschirme bringen. Spötter könnten meinen, die Kids
sollen ablenken von den Hauptpersonen, die das Kasatschok-Alter
weit hinter sich haben. Heinz Groß sagt: "Wir bieten
Musiktheater vom Feinsten."
"Das wird
noch kommerzieller als damals"
Beim
Reunion-Konzert in Moskau trabten Dromedare und Pferde über die
Bühne, das Ur-Trio wurde in Sänften ans Mikrophon getragen.
Mit derartigem Spektakel will der geschäftstüchtige Impresario
die Musikantenstadl der Welt entern. Groß, der schon mit Modern
Talking und Julio Iglesias zusammengearbeitet hat, erklärt die
gnadenlosen Ziele von Dschingis Khan III. mit brutalstmöglicher
Ehrlichkeit: "Das wird noch kommerzieller als damals."
Damals,
das war 1979, als Ralph Siegel in München die Band aus dem
Boden stampfte, auf dass diese beim Grand Prix d’Eurovision in
Jerusalem mit bunten Glitzerkostümen auf Platz vier und direkt
in die Köpfe der Menschen marschierte. "Eine schöne
Zeit", erinnert sich der Komponist, 20 Millionen Platten
hat er verkauft. Doch beim neuen Album wird Siegel nicht
mitmischen. "Ich freue mich zwar, wenn meine Lieder
weiterleben", beteuert er. Dennoch habe er "mit einem
weinenden Auge" abgesagt, weil die Künstler "zu viel
Garantiehonorar" gefordert hätten.
"Ich
hatte den Eindruck, er hat an unsere CD nicht geglaubt",
sagt dagegen Wolfgang Heichel, der letzte Dschinghis Khaner von
einst, "wir waren ihm wohl zu alt." Manager Groß fand
für den "Cirque de Dschinghis Khan", wie das neue
Album heißen soll, einen anderen massenkompatiblen Dompteur:
Alfons Weindorf, der zuletzt den argentinischen Schlagerbarden
Semino Rossi aus österreichischen Hotelgalas in die deutschen
Top Ten gepeitscht hat. "Musikalisch sind wir unabhängig
und grenzübergreifend", verkündet der Manager, "wir
machen Ethno-Pop mit Zunder auf den Base-Drums".
Es gibt kein
Entkommen
Wer
sich darunter nichts vorstellen kann, dem hilft vielleicht der
Name der Plattenfirma: Koch-Universal ist die Heimat der
Kastelruther Spatzen und von Hansi Hinterseer. Die Texte hat wie
eh und je Bernd Meinunger geschrieben. "Wir Mongolen haben
sieben Leben, die leb’ ich so heftig, wie ich kann",
dichtet der Agrar-Ökonom im neuen Song "Der Teufel kann
warten". "Und wenn’s dann vorbei ist, häng ich eben
eine Runde Leben hinten dran."
Sie
haben natürlich ganz wie ihr Namenspatron noch große und grenzüberschreitende
Pläne: Die Tanzcrew trägt den Namen "The Legacy of
Genghis Khan", um damit den englischsprachigen Markt
erobern zu können. Mit dem Chor der russischen Armee will Groß
den Hit "Moskau" noch auf Russisch aufnehmen. Und mit
der japanischen Fußball-Nationalelf, deren inoffizieller
Schlachtruf auf der Dschinghis-Khan-Melodie basiert, will er
ebenfalls schleunigst vors Mikrophon treten.
Ein
ehrgeiziges Programm für eine Gruppe, deren letzter Hit fast
dreißig Jahre alt ist. Als noch diffiziler könnte sich das
Vorhaben herausstellen, Zeilen wie diese mit Würde abzusingen:
"Ho-ey Ho-ey, der Horizont ist rot", hat Meinunger in
"Brennende Taiga" gereimt. "Ho-ey Ho-ey, wer
jetzt nicht entkommt, ist tot."