Dschinghis Khan in Moskau,
17. Dezember 2005
Eine Konzert-Kritik von Jo
Eine Vorbemerkung: Am 17. März 1979 saß ich mit offenem Mund vor dem Fernseher und habe vor Aufregung beinahe geheult, weil mich der Auftritt von Dschinghis Khan so begeistert hat. Gestern war ich beinahe wieder so weit; als ich die Aufzeichnung des Reunion-Konzertes von Moskau ansah war es fast das gleiche Gefühl wie damals. Ich muss zugeben: Ich war bis zuletzt skeptisch, ob das Ganze nicht zu kitschig wirkt oder ob sich unsere "Oldies" nicht doch ein bisschen lächerlich machen. Und Dschinghis Khan - ohne Louis und Leslie? Kann das überhaupt gehen?

   

Aber das Konzept funktioniert! Und auch wenn man den Bandmitgliedern zu Beginn die Unsicherheit anmerkt, ob das Ganze klappen wird und auf was sie sich da eingelassen haben, werden alle im Verlauf der Show spürbar sicherer und gelöster und man merkt ihnen dann auch an, dass sie Spaß an der Sache haben. Und das sollte ja die Hauptsache sein.

Die Show beginnt gleich mit einem Revue-Teil. Zu Hintergrundklängen von "Dschinghis Khan" und "Moskau" kommen zunächst Kamele auf die Bühne, gefolgt von Pferden, auf denen die Tänzer Ebru, Stefan und Daniel einreiten. Danach folgen mit Henriette und Wolfgang die ersten Haupt-Akteure und schließlich, getragen von jeweils vier Trägern, Edina und Steve in pompösen Sänften. In der Halle, der Olympiyski Arena in Moskau, harren annähernd 30.000 erwartungsvolle russische Fans der Dinge, die da auf sie zukommen werden.

Und dann beginnt das Konzert, gleich mit einem richtigen Kracher: Dschinghis Khan präsentieren die lange Version von "Moskau" - und der Saal beginnt zu toben! Schließlich war die Band, die den Namen der russischen Hauptstadt auf die Tanzböden der Welt brachte, bis dato noch nie in der besungenen Stadt aufgetreten. Doch die vier Khane stehen nicht alleine auf der Bühne. Ihre Show wird unterstützt von Stefan Track, der den tanzenden Khan gibt und den beiden Musical-Tänzern Ebru Kaya und Daniel Käsling. Dieses Konzept, die "Altstars" mit jungen, frischen Gesichtern zu umgeben, die die Stimmung im Saal weiter hochpeitschen sollen, geht von Beginn an auf. Nach den letzten Klängen von "Moskau" leitet Wolfgang über zu "Samurai", bei dem die drei Gast-Khane und die russischen Background-Tänzer die Show mit japanischen Schwertkämpfen begleiten. Dann wird es ruhiger: Zu den Klängen von "Israel, Israel" nehmen Jette, Edina und Stefan auf dem Thron Platz, während die andere Hälfte der Bühne von einem Kinderchor eingenommen wird. Eine sehr stimmungsvolle Präsentation eines nachdenklichen und hoffnungsvollen Songs. Doch gleich im Anschluss geht es wieder rund: Der "Rocking Son of Dschinghis Khan" bringt die Halle wieder zum Toben.

 

Auf dem Thron nimmt ein majestätischer Stefan Track als strenger Vater Khan Platz, während Steve Bender einen äußerst rockigen Rocking Son auf die Bühne legt. So viel Power war noch nie in diesem Song.

Es folgt wieder ein ruhigerer Teil mit "Komm doch heim", einem meiner persönlichen Lieblingstitel, bei dem Edina ein großartiges Solo singt und der Rest der Akteure dazu den Background-Chor übernimmt. Es schließen sich fetzige Versionen von "China Boy" und "Hadschi Halef Omar" an, bei denen auf der Bühne wirklich alles in Bewegung ist, was laufen kann. Mit ein bisschen neuen Arrangements könnte der "China Boy" auch heute noch einen Hit geben. Und es wird noch besser: "Der Verräter", ein absoluter Klassiker der deutschen Pop-Geschichte und mit das Beste, was das Gespann Siegel/Meinunger jemals geschrieben haben, mit einem Wolfgang in seiner Paraderolle und einem Steve, der die Titelrolle so überzeugend spielt wie vor zwanzig Jahren. Und auch den "Mädels" merkt man die gute Laune deutlich an. Dann folgt eine verkannte Perle: "Pass auf der Drache kommt", eigentlich ein Märchen mit einem dementsprechenden Text, aber dank der von Steve geschriebenen Musik einer der druckvollsten Titel der ersten LP. Und es steht sogar ein echter Drache mit auf der Bühne - allerdings einer, der ganz und gar nicht zum Fürchten aussieht und im Rhythmus mittanzt.

Abgerundet wird das Konzert mit dem Klassiker schechthin, "Dschinghis Khan", dem Song, der die Band weltweit berühmt gemacht hat. Und zum Abschluss folgt als Zugabe noch einmal die Single-Version von "Moskau", bei der die ganze Truppe weitaus mehr aus sich herausgeht als bei der langen Version zu Beginn des Gigs.

Zusammenfassend: Eine Show der Extra-Klasse. Dschinghis Khan 2005 tanzen nicht mehr durchgehend nach der Choreografie von vor 25 Jahren, aber das macht auch nichts. Die Gaststars, allen voran Stefan Track als Khan, füllen diese Lücke aus und die vier "Alt-Khane" können sich auf das Wesentliche konzentrieren. Einige Show-Elemente funktionieren besonders gut, so z.B. die Trommlerinnen bei "Rocking Son", die Leslies Solo übernehmen oder der putzige Drache, der zwar viel zu knuddelig ist für den Text des Songs, aber andererseits das ironische Augenzwinkern, ohne das DK 2005 meiner Ansicht nach nicht durchführbar wäre, auf die Bühne bringt. Auf jeden Fall nett zu sehen, wie Jette beim Anblick des Drachens beinahe loslacht!

Faszinierend war es für mich, Songs wie "China Boy" oder "Komm doch heim", die ich damals nie live erleben konnte, nun tatsächlich auf der Bühne zu sehen. Vor allem ersterer ist ein echter Live-Kracher. Der Sound kommt sehr gut rüber. Die Abmischung klingt bei den meisten Titeln besser als auf der Original-LP. Vor allem "Israel" gewinnt dadurch ziemlich an Wirkung.

Ich bin auch sehr gespannt, die angekündigten neuen Kostüme zu sehen. Die (geliehenen) Kostüme des Bolschoi-Theaters wirken zwar auch gut und sind mehr als eine Notlösung, aber Gewänder, die den Darstellern auf den Leib geschneidert sind, erhöhen sicher noch die Wirkung des Auftrittes und den Wiedererkennungsfaktor der Band.

Alles in allem war ich von der ganzen Show richtiggehend gefesselt. Die Zuschauer im Olympiyski haben weniger ein Pop-Konzert gesehen, als vielmehr ein Mini-Musical, eine Revue, was in Anbetracht des Alters der Haupt-Akteure auch völlig angemessen ist. Niemand erwartet von Musikern, die die Fünfzig nun doch schon seit einigen Tagen überschritten haben, eine Bühnenshow à la Back Street Boys. Aber die Show, die Dschinghis Khan bei ihrem Comeback abgeliefert haben, dürfte Fans begeistern und Zweifler weitgehend verstummen lassen. Dschinghis Khan reitet wieder! Ich kann nur hoffen, dass es bald eine offizielle DVD mit neuen und alten Auftritten geben wird. Die Fans, die der Band seit 25 Jahren die Treue gehalten haben, haben es verdient.


Bewertung:
***** von *****

 

 

Dieses Konzert ist dem Andenken an 
Louis Potgieter 
gewidmet, der 1993 verstarb.

"Louis, du bleibst in unseren Herzen, wir werden dich immer in unserer Erinnerung behalten."

 

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