Leslie Mandoki – 
der "vergessene" Khan

 

2007: Dschinghis Khan, die deutsche Kult-Popgruppe der späten 70er Jahre, treten wieder gemeinsam auf. Aber halt: Da fehlen doch welche! Neben den mittlerweile verstorbenen Louis Potgieter und Steve Bender macht einer den Comeback-Versuch bewusst nicht mit: Leslie Mandoki. Einst unverzichtbarer Bestandteil und optischer Blickfang der Glitzergruppe, wird er heute auf der offiziellen Homepage der Band nicht einmal mehr erwähnt. Leslie Mandoki – das tot geschwiegene fünfte Mitglied der Beatles? Doch Mandokis Verweigerung hat neben unbestreitbaren Differenzen mit den anderen Band-Mitgliedern auch andere Gründe, nämlich musikalische.

 

Leslie Mandoki wollte nie der Popstar der Glitzerwelt sein. Er war bereits in den späten 60ern und beginnenden 70ern so etwas wie ein Star in der Untergrund-Jazz-Szene seiner Heimatstadt Budapest. Während seines Studiums am Budapester Musikkonservatorium zu Beginn der 70er Jahre spielte der damals schon recht wild aussehende, langhaarige junge Musiker mit diversen Bands, unter anderem der Formation "Jam" abends in den Szenekellern. Aus dem Westen schwappte damals ein neues Lebensgefühl und damit ein starkes Politikbewusstsein hinter den "Eisernen Vorhang", und damit auch nach Ungarn - was den kommunistischen Machthabern alles andere als recht war. Die zunehmende Aufmüpfigkeit der Jugend wurde von der Obrigkeit so gut es ging unterdrückt. Was blieb, war die Flucht in den Westen.

1975 gelangte der junge Leslie Mandoki, zusammen mit seinen Freunden Laszlo Bencker und Gabor Czupa, zunächst nach Stuttgart und anschließend in die damals berüchtigte Münchner Musikszene. Er war mit dem Ziel gekommen, seine Musik zu machen, seine Vision zu leben. Was er aber antraf, war eine Umgebung, wo es von mehr oder minder erfolglosen Musikern nur so wimmelte, und wo man nur sehr schwer mit eigenen Vorstellungen direkt zum Erfolg kommen konnte. Daher entschloss sich Leslie, zunächst mit dem Strom zu schwimmen und kommerzielle Pop-Musik zu machen. Er landete im Hause Siegel, wo gerade die Besetzung für eine neue Grand-Prix-Band zusammengestellt wurde: Dschinghis Khan. Der Rest ist Geschichte: Gemeinsam mit seinen Kollegen Louis Potgieter, Wolfgang Heichel, Henriette Strobel, Edina Pop und Steve Bender gewann Leslie die deutsche Vorentscheidung und landete beim Grand Prix in Jerusalem auf einem hervorragenden vierten Platz. Dschinghis Khan traten für einige Jahre einen weltweiten Triumphzug an.

Doch Mandoki wollte und will etwas anderes. Er ist immer noch auf der Suche, wie eigentlich sein ganzes Leben lang. Er sucht nach Inhalten in der Musik, nach Werten. Schon während seiner Dschinghis Khan-Zeit nimmt er die Gelegenheit wahr, mit "Back to Myself" (der Name ist Programm) erstmals eigene Musik zu veröffentlichen. Obwohl die Platte sehr schwer verdaulich ausfällt, ist sie der erste Schritt auf dem Weg, den Leslie Mandoki gehen will. Dschinghis Khan und die Zeit als Popstar zum Anfassen endet Ende der 80er Jahre; Mandoki aber bleibt erfolgreich.

Mit "Strangers in a Paradise" und "Out of Key…with the Time" veröffentlicht er in den 90er Jahren zwei Alben, die einerseits radiotaugliche Popmusik bieten, andererseits aber bereits die spätere Zusammenarbeit mit anderen Größen der Rockmusik erahnen lassen. Auf dem Nachfolger "People" und noch mehr bei "People in Room #8" baut er diese Ausrichtung weiter aus. Mandoki schafft es, bei seinen Projekten eine Versammlung von Musik-Legenden zusammen zu trommeln, die ihresgleichen sucht. Namen wie Ian Anderson, Jack Bruce, Bobby Kimball, Steve Lukather, Chaka Khan, Al di Meola und viele mehr stehen für handwerklich hervorragend gemachte, von einem gemeinsamen Gedanken und Gefühl beeinflusste Musik, die einen bewussten Gegenpol zur video-orientierten Alltags-Musik der MTV- und Viva-Generation bildet. Leslies Vision bringt eige ganze Generation von Ausnahme-Musikern zu einem in der Geschichte der Rockmusik einmaligen Projekt zusammen. Die Zusammenarbeit mit seinen "Soulmates", d.h., Seelenverwandten, gipfelt schließlich im von der Kritik und dem Publikum hoch gelobten gleichnamigen Album, das der Perfektionist Mandoki nicht nur als CD, sondern auch als analog aufgenommene Doppel-LP veröffentlichen lässt, und dem unvergesslichen Auftritt der Startruppe bei "Wetten dass…?", wo nach der Anmoderation durch Thomas Gottschalk "nicht weniger als 139 Goldene Schallplatten, 29 mal Platin und 26 Grammys" einmarschieren. So etwas hat es noch nie gegeben. Es scheint, als wäre Leslie Mandoki angekommen, wo er hin wollte.

Doch neben der Selbstverwirklichung muss natürlich auch das Tagesgeschäft erledigt werden. In seinen Park Studios am Starnberger See, einem der modernsten Studios in Europa, produziert Mandoki CDs anderer Künstler ebenso wie Filmmusiken für alle großen Hollywood-Studios. Auch hier sammelt der frühere "Rocking Son of Dschinghis Khan" Auszeichnungen aller Art für seine Arbeit am Produzententisch. Daneben findet er auch noch Zeit für rein kommerzielle "Auftragsarbeiten", wie das große Sommerkonzert 2006 für den Audi-Konzern. Auch hier präsentiert Mandoki als musikalischer Leiter wieder eine Vielzahl verschiedenster Künstler auf der Bühne in einem gemeinsamen Projekt und erntet dafür allseitige Begeisterung.

Doch Mandoki wäre nicht Mandoki, würde er beim bislang Erreichten stehen bleiben. Er nimmt ein weiteres, bisher noch nicht dagewesenes Projekt in Angriff, die Vertonung der Bibel als eine Art Hörbuch mit musikalischer Umrahmung. Auch hier versammelt er eine Reihe namhafter deutscher Stars aus Film und Fernsehen als Sprecher. Heraus kommt ein Werk, das auf insgesamt 24 CDs in sieben Einheiten das Alte und Neue Testament in einer grandiosen emotionalen Präsentation akustisch erfahrbar machen soll. "Die Musik-Bibel" erscheint im Oktober 2007 im Gütersloher Verlagshaus zum Preis von ca. 79 Euro.

Leslie Mandoki - immer noch ein Suchender. Dschinghis Khan Fans mögen mit seiner Einstellung hadern, dieses Kapitel unwiderruflich hinter sich gelassen zu haben. Aber genau so, wie er für Dschinghis Khan früher unverzichtbar war, ist er heute aus der Welt der Rockmusik nicht mehr wegzudenken. Und er wird auch hier weiter unbeirrbar seinen Weg gehen. Wir respektieren das und wünschen ihm dafür alles erdenklich Gute!

 

Copyright 2007 by STEPPENWIND
Autor: Jo Beyer

Diskografie:
Back to Myself
Strangers in a Paradise
Out of Key … with the Time
People
Classics from Outer Space
Russian Memories
Magic Ear - The Global Experience
People in Room # 8
Soulmates
Die Musik-Bibel